Emanzipation (2)

Heute nun die Fortsetzung mit einer kleinen Sammlung von Aussagen aus dem Internet. Den ersten Teil findet ihr hier.

  
Die Creme de la Creme an Kommentaren, die ausschließlich von Männern gepostet wurden.

Zitat: „Was Männer wollen sind Frauen, die weiblich sind. Genauso wie Frauen Männer wollen, die männlich sind.“

Interessant. Durch die Emanzipation der Frau fallen den Männern jetzt reihenweise die Eier ab, weil Frauen keine Brüste mehr haben. Das Neutrum ist geboren!
Und woher weiß ein Mann eigentlich wie Frau „männlich“ definiert.

Also nur weil Frau das Recht hat, sich auf welche Weise auch immer frei zu entfalten und sich nicht mehr von einem Mann abhängig machen muss, ist sie weniger weiblich?
Da würde mich doch echt mal interessieren, was die Gleichstellung der Geschlechter damit zu tun hat wie weiblich bzw. männlich sich jemand fühlt oder ist.

Aber mir wird gerade bewusst, dass ich dieses Gefühl gar nicht habe. Oder? Also biologisch betrachtet bin ich eine Frau, weil ich Brüste habe und in regelmäßigen Abständen blute und das gepaart mit heftigen Bauchschmerzen. Ist das damit gemeint, sich weiblich zu fühlen?

Ich habe da so meine Zweifel, denn die folgende Anekdote sagt wohl etwas anderes aus.
Eine Kollegin kam morgens ins Büro und berichtete ungefragt von ihrem Wochenende: „Am Samstag war ich seit langem mal wieder aus. Da hab‘ ich mich geschminkt und ein Röckchen angezogen und mich endlich mal wieder als Frau gefühlt!“
Okay? Kann ich daraus schlussfolgern, wenn man sich ein Kleid anzieht und Farbe ins Gesicht kleistert, fühlt man sich weiblich? Und wenn man eine Hose anzieht, fühlt man sich männlich?
Und was machen die ganzen männlichen Karnevalisten, die sich verkleiden und schminken? Wechseln die dann in der närrischen Zeit ihr Geschlecht?

Ich habe nur zweimal im Leben ein Kleid angehabt und alles was ich da gefühlt habe, war ein ganz starkes Unwohlsein.

An dieser Stelle scheitere ich schon daran wirklich zu verstehen, was wohl der Mann, der diese Zeilen schrieb, meinte und wie er denn auf die Annahme kommt, dass Frauen nur männliche Männer wollen. Gibt es auch weibliche Männer? Was darf ich mir denn darunter vorstellen? Und was macht eigentlich einen Mann männlich?

*************

Zitat: „Was mir fehlt ist eine Partnerin, die ihre weiblichen Eigenschaften in eine Beziehung einbringt.“

Was sind das denn für weibliche Eigenschaften? Eine Wohnung wohnlich einrichten, putzen, kochen, Wäsche machen oder was? Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob und welche Eigenschaften ein Mann hat, die er doch bitte in eine Beziehung einzubringen hat.

*********************

Zitat: „Bei der Gleichstellung wird vergessen, dass Mann und Frau unterschiedliche Wünsche und Vorstellungen haben. Wenn die Emanzipation aber für absolute Gleichheit ist, müssen Männer Rollen annehmen, die ihren natürlichen Bedürfnissen nicht entsprechen und sie unglücklich machen.“

Dass Frau über viele Jahre dazu gezwungen wurde, munter ein Kind nach dem anderen in die Welt zu setzen, in einer Ehe zum Beischlaf verpflichtet war und finanziell abhängig vom Mann war, entspricht also den Wünschen und natürlichen Bedürfnissen einer Frau und sie ist jetzt absolut zu tiefst betrübt, dieses schöne Leben nicht mehr zu haben.
Stattdessen muss sie jetzt arbeiten gehen und ihr Leben frei gestalten. Und – welch Drama – darf sich nicht mehr von ihrem Göttergatten vergewaltigen lassen. Da ist Frau sicher mächtig traurig drüber, diesen natürlichen Bedürfnissen nicht mehr nachkommen zu können.

*************

Zitat: „Männer fühlen sich überflüssig, wenn Frauen selbst ein Regal aufbauen (können).“

Ist das mein Problem. Ich baue auch gerne Regale zusammen, mähe gerne den Rasen oder mache das Auto sauber.
Was würde denn ansonsten für mich übrig bleiben? Nur die unliebsamen Sachen, wie putzen oder bügeln? Also ich würde mich nie überflüssig fühlen, wenn der Mann die Bügelwäsche macht.

Das Paradoxe daran ist ja, wenn eine Frau darum bittet, dass der Mann vielleicht mal etwas Schweres tragen kann, heißt es: „Als gleichberechtigte Frau solltest du die Kiste doch selbst tragen, oder?“

Gleichberechtigung heißt nicht, dass man sich die Rosinen herauspicken kann. Und es geht auch nicht darum den Mann als Lastenesel zu missbrauchen, sondern genau zu wissen, wo die eigenen Grenzen liegen und was andere besser können oder die besseren Voraussetzungen haben.

*************

Zitat: „Für viele Männer ist die Welt heutzutage gar nicht leicht. Die Frauen haben die Macht an sich gerissen und überlassen den Männern den Platz am Herd.“

Ja, und? Haben die Männer ja auch Jahrhunderte lang mit den Frauen gemacht. Das ist kein schönes Gefühl, oder?

*************

Zitat: „Die Männer können sich entweder fügen und zu einem Waschlappen mutieren oder weiterziehen, auf der Suche nach einer Frau, die ihm das Gefühl gibt, gebraucht zu werden.“

Wieso wird Mann denn zu einem Waschlappen, wenn er im Haushalt hilft? Jede Frau freut sich über so einen „nützlichen“ Partner.

*************

Zitat: „Aber wenn Frau den Mann in eine zweitrangige Rolle zwängt, braucht sie sich nicht wundern, wenn sie vom Mann keinen Schutz erfährt.“

Aber Frau kann man ruhig in eine zweitrangige Rolle drängen?! Als Belohnung für die Unterwürfigkeit gibt es dann auch Schutz.

*************

Zitat: „Die Männer sind zwar das starke Geschlecht, aber ihr Ego ist sehr bedürftig und braucht tägliche Bewunderung.“

Ist das mein Problem? Dann sind Männer aber nur physisch stark, charakterlich nicht. Und das ist dann für mich ein Waschlappen.

*************

Zitat: „Männer und Frauen sind immer und überall sehr stark aufeinander angewiesen.“

Echt? Sind sie das? Inwiefern? Da habe ich in meinem bisherigen Leben noch gar nichts von bemerkt.

*************

Zitat: „Frauen sind von Natur aus so strukturiert, dass sie sich über einen Mann und Familie definieren.“

Lustig!! Wer kommt bloß auf so einen Unsinn?! Und es ist außerdem genau umgekehrt, für Männer sind die Partnerin und Kinder Statussymbole, über die sie sich definieren. Und das musste ich aus einem Buch erfahren, dass ich während meinen Recherchen zu diesem Beitrag las. Aber dazu folgt ein extra Beitrag.

*************

Zitat: „Frauen haben heute nicht nur freien Zugang zum Arbeitsmarkt, sondern können sich auch in ehemals reinen Männerdomänen betätigen.“

Das hört sich ja ganz schön an und die rechtliche Situation unterstützt dies auch größtenteils, doch die Unterdrückung läuft heute doch deutlich subtiler ab.
Eigentlich bleiben Frauen ja nur wenige Möglichkeiten:

  • Sie verwirklicht sich in ihrem Traumberuf, der normalerweise ein Männerberuf ist, denn in typischen Frauenberufen kann man sich natürlich verwirklichen, aber davon leben kann man nicht. Logischerweise herrscht in den Männerberufen ein pa­t­ri­ar­cha­lisches System und Frau meint sich dort nur durch Imitation der männlichen Verhaltensweisen behaupten zu können.
    Das hat zwangsläufig zur Folge, dass sie äußerst unattraktiv auf Männer wirkt, was wiederum dazu führt, dass sie leer ausgeht und alleine bleibt.
    Lebt sie dann alleine, wird sie von der Gesellschaft kritisch beäugt und bekommt entweder zu hören: „Ach die karrieregeilen Frauen von heute wollen keine Familie, Partner, Kinder…“ oder es heißt: „Wie du hast keinen Mann und Kinder?“
    Bei Männern dagegen wird ein ehrgeizig verfolgter Karriereplan als Durchsetzungsfähigkeit und Führungskompetenz ausgelegt.
  • Will eine Frau Kinder, was voraussetzt, dass ein Mann sie haben will, wird sie sich immer bis zu einem gewissen Grad in das alte Rollenbild zurückdrängen lassen müssen. Ist sie dann aber voll und ganz Hausfrau und Mutter, muss sie sich wieder anhören, dass so etwas in der heutigen Zeit total rückständig ist.
  • Dass die dritte Variante, nämlich Familie und Karriere, so gut wie unmöglich zu bewältigen ist, ohne dass Frau an ihre körperlichen und psychischen Grenzen geht, sieht auch wieder keiner. Bricht eine Frau dann irgendwann zusammen, heißt es: „Frau ist halt schwach. Die Gleichberechtigung entspricht halt nicht den Bedürfnissen einer Frau, die am liebsten nur Mutter sein will.“

Gleichberechtigung bedeutet nicht, dass Frauen einen (Traum-) Beruf und Familie vereinbaren können und sich dabei für den Mann nichts ändert.
Gleichberechtigung heißt, es muss sich eine neue Form des Zusammenlebens der Geschlechter entwickeln oder einfach gesagt, die alten Rollenbilder müssen abgelegt werden und im besten Fall überhaupt keine Rollen mehr festgelegt werden.
Dass Männer diese Konstellation nicht wollen, weil es für sie ja bisher ein schönes Leben war, so mit kostenloser Haushälterin und ständig verfügbarer Bettgespielin, ist schon irgendwie verständlich. Aber wer auf der anderen Seite steht, findet das logischerweise nicht so toll. Wer will schon Sklave sein? Mit Männern sollte man das mal machen, das Geschrei ist ja jetzt schon groß.

 
Erfreulicherweise gibt es aber auch fortschrittliche Aussagen

Zitat: „Die Regeln und Gesetze der Partnerwahl erfahren aber eine emanzipatorischen Neuerung. Männer wollen kluge Frauen.“

DAS LÄSST HOFFEN!

*************

Zitat: „Männer wünschen sich mehr Zeit für Kinder und Familie, fürchten aber dadurch Lohneinbußen.“

Wieso sollten Männer auch nicht den Wunsch nach mehr Zeit mit der Familie haben. Um diese Lohneinbußen aber nicht fürchten zu müssen, müssten sie mehr für die Gleichstellung tun. Denn die Arbeitswelt ist halt nun mal pa­t­ri­ar­cha­lischer Natur, soll heißen, es herrscht die Ansicht, dass Mann unbedingt Karriere machen muss und das nur kann, je länger er im Büro sitzt.

*************

Zitat: „Angeblich begrüßt die Gesellschaft Männer in traditionellen Frauenberufen. Gleichzeitig zeigt sie jedoch, dass man Männern die notwendigen Kompetenzen hierfür abspricht.“

Das ist umgekehrt genauso und für beide Parteien nach wie vor sehr bedauerlich.

 
Mein persönliches Resumé
Gleichstellung heißt für mich, dass ich die absolute Freiheit habe, wie ich mein Leben gestalte. Es ist mir also freigestellt, welchen Beruf ich wähle, welche und wieviel Kleidung ich trage, ob und wann ich Kinder will und ob ich überhaupt einen Partner will.

Nachdem was ich alles im Internet gelesen habe, wobei ich inständig hoffe, dass so eine Denkweise nur einen kleinen Prozentsatz der männlichen Bevölkerung betrifft, finde ich es gut, wie man die Männer in den letzten Jahren gesund geschrumpft hat.

Eigentlich müsste noch viel mehr getan werden. Um den Männern mal vor Augen zu führen, wie sich die andere Seite anfühlt, sollte es mal einen Rollentausch geben.

In diesem Fall würden nur noch Frauen auf Führungspositionen sitzen und die Männer würden per Quote geduldet. Oder Gehälter von typischen Frauenberufen, wie z.B. Pflegepersonal, Kindererziehung, würden angehoben. Dafür würde das Gehalt von Managern, Profi-Sportlern (wo wir wieder beim Fußball wären) deutlich herabgesetzt.

Außerdem könnte man mal verordnen, dass Männer ihre Körper nicht so zur Schau stellen sollen, damit Frauen ihnen keine anzüglichen Blicke zuwerfen und ihnen nicht unverschämterweise zwischen die Beine fassen. Oder wie wäre es mit einer Beischlafpflicht inklusive weiblicher Orgasmusgarantie. Sollte das der Mann nicht bringen, gibt es ein Austauschmodell.

Aber in der Wirklichkeit sieht es leider so aus, dass wir von wirklich gelebter Gleichberechtigung und einer respektvollen Umgangsweise weit entfernt sind. Und leider befürchte ich, geht die Gleichstellung tendenziell in die falsche Richtung. Für die Frau natürlich.

Zum Schluss bleibt es mir nur den Benediktinermönch Benito Feijoo (1676-1764) zu zitieren. Für einen Mönch und zu dieser Zeit, eine wirklich erstaunlich fortschrittliche Weltanschauung.

„In der Physis gebe es ebenso schwache Männer wie starke Frauen.
In der Moral seien die weiblichen Tugenden von gleichem Wert wie die Tugenden der Männer.
Und die Verstandeskräfte besitzen dieselbe Fähigkeit für jegliche Art von Wissenschaft und höchste Erkenntnis.“

Advertisements

Emanzipation (1)

Es ist schon sehr lange her, da las ich diesen Beitrag zum Thema Emanzipation. Etwas leichtfertig – was eigentlich nicht so meine Art ist – hinterließ ich einen Kommentar und war verwundert über die Reaktionen.
In solchen Fällen, also wenn ich irritiert bin, muss ich der Sache auf den Grund gehen. Doch ich stellte schnell fest, beim Thema Emanzipation ist es wirklich schwierig überhaupt auf Grund zu stoßen, denn die Sache ist sehr komplex. Und daher lies dieser Beitrag auch so lange auf sich warten.

An sich mag ich ja das Wort Emanzipation schon nicht, irgendwie hat es einen negativen Beigeschmack. Ich finde Gleichstellung oder Gleichberechtigung deutlich besser, denn das ist für mich eine klare Aussage, und auch Ansage. Sich zu emanzipieren heißt, aus der Bestimmungs- oder Verfügungsgewalt anderer herauszutreten und selbst über sich zu entscheiden.

Ich habe Menschen nie nach Hautfarbe, Alter, Herkunft, Geschlecht oder Religion ein-, oder bösartig gesagt, aussortiert, denn für mich sind alle gleich und gleich wertvoll.
Somit gehören Mann und Frau der Gattung Mensch an, wobei sie mit unterschiedlichen Geschlechtsmerkmalen ausgestattet sind. Außerdem ist der Mann in der Regel physisch stärker und nur die Frau kann Kinder bekommen.
Zum Fortbestand der Menschen werden beide Geschlechter benötigt, also haben sowohl Männer als auch Frauen die gleiche Daseinsberechtigung und sollten dementsprechend mit den gleichen Rechten und Pflichten ihr Leben bestreiten dürfen.

Die Betonung liegt auf „sollten“, denn erstens war das nicht immer so, und zweitens stellt sich mir die Frage, wie weit wir denn nun wirklich mit der Gleichstellung der Geschlechter gekommen sind.

 
Ein kleiner historischer Rückblick
Eins ist ganz klar, Frauen waren über viele Jahrhunderte einfach nur ein Objekt, dass dem Mann jederzeit zur Verfügung zu stehen hatte. Eine Frau galt als minderwertig, für niedere Arbeiten und um Kinder zu gebären, war sie gut genug.

Drehen wir die Zeit nur mal um circa 100 Jahre zurück, sieht man schon an der Gesetzgebung, den Frauen wurden keinerlei Rechte auf ihr Leben und ihren eigenen Körper zugesprochen, weil dem Mann alle Entscheidungen des Ehe- und Familienlebens zugesprochen wurden.
Doch so langsam begann die Sklavenhaltung zu bröckeln, erste Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit wurden laut und die tägliche Arbeitszeit wurde auf acht Stunden begrenzt. Auf dem Papier, vermute ich.
Außerdem erhielten viele Frauen vor fast genau 100 Jahren das aktive und passive Wahlrecht und durften sogar in manchen Bundesländern studieren.

Während des Zweiten Weltkrieges jedoch, wurde der Fortschritt zunichte gemacht. Frauen mussten bis zum Umfallen schuften, nun in Munitionsfabriken. Das Wahlrecht und das Recht auf ein Studium, sogar das Ergreifen von wissenschaftlichen und technischen Berufen wurde verboten.
Aber Gott sei Dank kamen auch wieder andere Zeiten, seit 1949 steht im Grundgesetz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.
Papier ist ja bekanntlich sehr geduldig, aber wie schön, dass es da schon mal drinsteht, denn die gelebte Gleichberechtigung machte nur wenige Fortschritte.
So gehörte es nämlich bis 1976 zu den Pflichten einer Frau den Haushalt zu machen, Kinder zu bekommen und zu erziehen, sowie den Mann zu umsorgen. Der Mann war für den Unterhalt der Familie verantwortlich. Eine Ehefrau durfte nur arbeiten gehen, solange sie die familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigte und dann nur mit Genehmigung des Mannes, dafür kassierte der Mann das verdiente Geld ein. Verdiente der Mann aber zu wenig, war die Frau zum Arbeiten gehen verpflichtet.
Die Frau blieb zudem ein Anhängsel des Mannes, so eine Art Vorzeige- oder Statusobjekt.

Dieses Statusobjekt ist sogar heute noch zu finden, war aber auch im Mittelalter schon aktuell. Im Mittelalter waren es die edlen Ritter, die sich für die hübschen Prinzessinnen vom Pferd stießen. Heute geschieht das in Fußballstadien. Bei größeren Turnieren sieht man sie ja häufiger, denn die makellosen Schönheiten werden gerne gezeigt und anmoderiert: „Und hier auf der Tribüne die Bank der Spielerfrauen, die extra gekommen sind, um ihren (göttlichen) Ehemännern zu zujubeln.“
Ich bin mir nicht sicher, aber den Begriff Spielerinnen-Männer glaube ich noch nie gehört zu haben. Das wäre ja auch was, den Mann nur als Maskottchen der Frau öffentlich vor laufenden Kameras zu demütigen.

Aber zurück zur Vergangenheit.
Im Jahr 1962 kam die Antibaby-Pille auf den Markt, was Frauen erlaubte mehr über ihren eigenen Körper bestimmen zu können. Zumindest solange der Ehemann davon nichts wusste, vermute ich auch hier.
Ab dem Jahr 1974 war ein Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Wochen straffrei.
Aber was mir bis zu meinen Recherchen gar nicht bekannt war, bis zum Jahr 1997 war eine Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung in der Ehe straffrei.
1997!!! Das hat mich total geschockt.

Dennoch kann man sagen, heutzutage werden Frauen doch sehr viele Rechte eingeräumt. Zumindest in den Industrienationen.
Wir dürfen uns kleiden, wie wir wollen. Und dürfen unser Leben frei gestalten. Upps. Dürfen wir das eigentlich?
Weitestgehend schon, auch wenn leider noch so Sprüche fallen wie: „Da muss sie sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird, so aufreizend, wie sie sich anzieht.“ oder „So wie die sich an hat, will sie aufgerissen oder flachgelegt werden.“
M.E kommt es mit Sicherheit vor, dass Frau sich aufbrezelt, um aufzufallen. Aber meistens zieht man sich doch wie auch immer an, um sich selbst wohl zu fühlen und nicht um anderen zu gefallen.

Davon abgesehen wird eine Frau gerne als Flittchen bezeichnet, wenn sie denn zu offensiv flirtet. Macht ein Mann das aber auf die gleiche Weise, ist er der Held und wird für jede Eroberung gefeiert. Bekommt er jedoch keine ab, heißt es wieder, dass doch im Zeitalter der Emanzipation auch eine Frau mal Initiative zeigen könnte. In diesem Fall würden sich die Frauen nur die Rosinen der Gleichstellung herauspicken und den Männern die Drecksarbeit überlassen.

Allerdings werden in vielen Ländern Frauen nach wie vor wirklich wie Dreck behandelt oder sind sogar weniger Wert als Tiere (Kamele, Kühe, Falken etc.). Ein Beispiel: Mein Onkel war mit seiner Familie mal in Ägypten im Urlaub und da hat ihm doch glatt ein Teppichhändler zehn Kamele und drei Teppiche für seine Tochter (also meine Cousine, damals noch minderjährig) geboten.

 
Mein Standpunkt und persönliche Erfahrungen
Als ich damals den Kommentar unter benanntem Beitrag hinterließ, war ich eigentlich der Meinung, dass sich die Gleichstellung der Frau halbwegs durchgesetzt hatte und dies auch von der Männerwelt begrüßt würde.
Daher war ich eher auf der Seite der Männer, die man – nach meiner Meinung – auf weiter Flur hat stehen lassen, ohne ihnen zu sagen oder zu zeigen, was denn jetzt ihre neue Rolle sein könnte, damit sie sich ebenfalls neue Lebensweisen erschließen können. Ich hatte nämlich immer vermutet, Männer hätten gerne gleichwertige Partnerinnen neben sich. Aber irgendwie kamen so nach und nach große Zweifel bei mir auf, ob ich mich da nicht mit meiner Denkweise geirrt hatte.

Was ich bei meiner langen Internetrecherche las, setzte mir zunehmend zu und betrübte mich auch zutiefst, denn ich musste mit Entsetzen feststellen, dass Männer gar keine gleichberechtigten und gleichgestellten Frauen zu wollen scheinen.
So war zumindest mein Eindruck, denn da waren doch wirklich manche Exemplare so fleißig eine Liste zu erstellen, um das Pro und Contra der Emanzipation zu zeigen. Es wird hier doch allen Ernstes darüber diskutiert, welche Vor- und Nachteile es hat Menschen weiblichen Geschlechts gleichberechtigt zu behandeln.

Die Pros und Contras will ich euch natürlich nicht vorenthalten.

Auf der Pro-Seite stehen diese Punkte:
– gleiche Gehälter
– keine Unterdrückung mehr
– Wahlrecht
– Unabhängigkeit
– freie Berufswahl
M.E. sind das alles Gründe, die zurecht auf dieser Seite stehen und die ich natürlich nur begrüßen kann. Was würden Männer wohl dazu sagen, wenn man ihnen diese Rechte nehmen würde?
Auf der Contra-Seite findet man diese Punkte:
– sinkende Geburtenrate Ist das schlimm? Es waren ja auch immer die Frauen, die sich dann um alles kümmern mussten, heute kann eine Frau selbst über ihren Körper und ihre Lebenszeit entscheiden.
– steigende Scheidungsrate Das ist doch logisch. Frauen müssen heute nicht mehr die Klappe halten und können aus unerträglichen Beziehungen fliehen. Da sollte der ein oder andere Mann mal an sich arbeiten, dann bleibt frau auch bei ihm.
– hochgebildete Frauen ab 30 finden kaum noch Partner bzw. höchste Single-Quote bei Frauen in Führungspositionen Woran könnte das liegen? Hochgebildete Frauen haben wahrscheinlich auch einen gut bezahlten Job und können wählerisch bei der Partnerwahl sein. Mit „keinen Partner finden“ und verzweifelt sein, hat das aber dann nichts zu tun.
– Vermännlichung der Frauen und Verweiblichung der Männerwelt Das verstehe ich nicht. Um Aufklärung wird gebeten!
– zunehmende Zahl an Single-Haushalten Was ist daran so schlimm? Oder ist Mann alleine ohne kostenlose Haushaltshilfe nicht überlebensfähig? Ich finde es ziemlich unverschämt, diese Lappalie den Frauen und der Gleichberechtigung in die Schuhe zu schieben.

Man merkt wahrscheinlich, dass ich leicht angepisst bin. Das hängt aber auch mit persönlichen Erfahrungen zusammen.
Damals zum Beispiel als entschieden werden sollte, wie es nach der mittleren Reife bei mir weiterging, wollte meine Mutter, dass ich Abitur mache.
Mein Vater sagte nur: „Wofür soll die denn Abitur machen? Die heiratet irgendwann und kriegt Kinder, dann war das eh für die Katz. Das Geld können wir sparen.“
Wie gut, dass ich das Abitur gemacht habe, denn heiraten und Kinder kriegen stand bei mir eh nicht auf dem Plan. Man(n) hätte mich damals mal fragen sollen. Aber meine weibliche Meinung zählte wohl nicht.

Meine Mutter hatte eindeutig in eine sehr „seltsame“ Familie eingeheiratet, denn sie bekam kurz nach der Hochzeit mit meinem Vater von einer älteren Tante den Rat: „Koch‘ ihm immer was Gutes und sei schön geduldig!“
Ich wage es mal diesen Tipp zu übersetzen: „Sei eine gute Hausfrau und tu deine Pflicht. Ohne Widerworte. Was auch immer dein Herr und Gebieter dir befiehlt.“

Nun war ich aus der Kindheit schon negativ vorbelastet, trotzdem bin ich auf Männer eher positiv zugegangen, weil ich nicht jeden Mann mit meinem Vater und dessen frauenfeindliche Familie vergleichen wollte. Leider war die Recherche im Internet doch sehr ernüchternd. So viele Aussagen, die mich ziemlich getroffen haben.

Und mit dieser kleinen Sammlung an Aussagen geht es im nächsten Teil weiter.

Neulich… auf der Arbeit (10)

Praktikanten sind ja nach wie vor gern gesehene Arbeitskräfte, denn man kann ihnen für wenig oder gar keinen Lohn unliebsame Aufgaben aufs Auge drücken. Eigentlich ist ja so ein Praktikum dazu gedacht, dass derjenige mal in einen Beruf und dessen Alltag reinschnuppern kann.
Es soll aber auch noch Firmen geben, die mit Praktikanten sehr verantwortungsbewusst umgehen. Es soll aber auch Praktikanten geben, die mit der nötigen Ernsthaftigkeit ein solches Praktikum angehen.

Neulich auf der Arbeit wurde uns eine Praktikantin zugeteilt, die, wie ich vermutete, ein Pflichtpraktikum zu absolvieren hatte.

Dieses Jahr schrieb ich bereits über meine Unfähigkeit das Alter meiner Mitmenschen richtig zu schätzen, denn es fiel mir schwer zu sagen, wie alt den nun besagte junge Dame sein könnte.
Nach dem Aussehen und dem Gesicht tippte ich so auf Anfang bis Mitte 20, nach dem Benehmen allerdings hätte sie circa 15 Jahre alt sein können.
Dieses Rätsel werde ich nicht lösen können, also weiter im Text.

Wir – zwei Kollegen und ich – mussten dann Kartons im Lager holen, da ist doch ein Praktikant eine super Hilfe. Dachten wir.

Miss „Lange-Fingernägel“ waren die Kartons allerdings zu dreckig – dabei waren die nagelneu. Zwingen kann man ja niemanden, so beließen wir es einfach mit einem Kopfschütteln und trugen unsere Kartons alleine.

Um zurück in unsere Büros zu kommen, mussten wir durch diverse Türen. Wir waren ja voll bepackt mit Kartons, aber unsere liebe Praktikantin hatte die Hände logischerweise frei. Wir reihten uns also an der Tür schön artig auf und schauten unsere nette junge Gast-Kollegin hilfesuchend an.

Madame P. schaute nur wartend zurück und fragte nach einer Weile: „Warum schaut ihr jetzt alle so?“

Mein Kollege: „Du bist die einzige, die die Hände frei hat! Du könntest uns deshalb freundlicherweise die Tür aufmachen!“

Madame P.: „Weil?“

Erdrückende Stille breitete sich aus. Nach sehr langen Minuten machte unser Kollege dann allen – auch der Praktikantin – die Tür auf, die als erste das Gebäude betrat.

Ja!!! Da kann es einem schon die Sprache verschlagen.

Zurück in unseren Büros räumten wir diverse überflüssige Utensilien in die mitgebrachten Kartons.
Wer half nicht?
Richtig! Madame P. Die stand vor unserer Weltkarte und bewegte sich mit gekonntem Hüftschwung zum Gedudel aus unserem Radio.

Das Gesicht von meinem Kollegen lief feuerrot an, dann riss ihm der Geduldsfaden: „Tanzen kannste heute Abend in der Disco. Jetzt packste hier mal mit an, ist ja schließlich dein Schreibtisch, den wir hier freiräumen.“

Madame P. klotzte erst mal blöde, stemmte aber dann die Hände in die Hüften und meint nur: „Hallo?! Ich bin hier Praktikantin! Mein Vater arbeitet seit vielen Jahren in der Gruppe Betriebsorganisation!“

Madame P. war ab dem folgenden Tag in einer anderen Abteilung unterwegs.

Tierische Instinkte

Am vergangenen Wochenende war ich mal wieder bei meinen Eltern zu Besuch. Besonders freue ich mich mit der Ziva, dem Hund meiner Eltern, Gassi zu gehen.

Beim Spazierengehen trifft man (leider) mit ziemlicher Sicherheit auf andere Hundebesitzer, die ebenfalls mit ihren vierbeinigen Freunden unterwegs sind. Dabei ist es immer wieder interessant zu beobachten, wie sich alle gegenseitig am Hintern beschnuppern. Also die Hunde natürlich. Für die ist das ganz normal. Genauso machen sie es bei uns, einmal die Nase zwischen die Beine gesteckt und schon ist für Hunde alles geklärt.
 

Achtung Zeitsprung!
Am folgenden Montag auf der Arbeit stellte sich ein neuer Kollege in den Abteilungen vor und ich kam kurz mit ihm ins Gespräch.

Kollege: „Hallo! Ich bin xy.“
Ich stellte mich ebenfalls vor und gab brav Pfötchen.

Kollege: „Was hast du für einen Aufgabenbereich? Wie lange arbeitest du schon hier?“
Ich erklärte ihm, was so meine Aufgaben sind und ich schon fast zehn Jahre in der Firma bin.

Kollege: „Okay. Interessant. Bist du denn verheiratet?“
Ich: „Nein?!“
Kollege: „Aber du bist leiert, oder?“
Ich: „Nein!“
Kollege: „Oh! Aber du hast doch sicher Kinder?“
Ich: „Nein, auch nicht.“
Kollege: „Echt? Oh. Okay!? Also ich habe zwei Kinder, bin aber geschieden.“
Ich: „Okay!“
Was soll man da auch sonst noch groß erwidern.

Außerdem fühlte ich mich schon wieder in eine Ecke gedrängt. Wie konnte es auch sein, dass ich in meinem Alter keine Kinder und keinen Partner habe, wo es mein neuer Kollege mit Mitte 20 bereits zu zwei Kindern und einer Scheidung gebracht hatte.

Eigentlich ist die Familien- und Lebensplanung jedem selbst überlassen, trotzdem gab mir die kurze Unterhaltung das Gefühl mit einem Makel behaftet zu sein.

Schlussendlich erinnerte mich die ganze Situation allerdings an das Begrüßungsritual unsere vierbeinigen Freunde. So wie es aussieht, bleiben wir alle irgendwie Tiere mit tierischen Instinkten, wobei wir uns ja zum Glück nicht zwischen den Beinen beschnüffeln. Dennoch wird in solchen Kennenlern-Gesprächen der soziale, gesellschaftliche und gesundheitliche Status abgeklopft.

Die Schnüffel-Variante geht natürlich schneller und ist einfacher. Vor allem ist sie ehrlich, denn der Geruch – Gestank, wollte ich nicht schreiben – entlarvt jeden, der sich hinter Worten verstecken möchte.

Neulich… auf der Arbeit (9)

Neulich ist mir wieder aufgefallen, wie mitteilsam so mancher Kollege ist. Die Betonung liegt auf Kollege, denn Frauen sind bei manchen Themen einfach verschlossener.

Einer meiner Kollegen muss jeden Gang zur Toilette erst großartig ankündigen und nach erledigtem Geschäft berichten, wie es denn war.

Beispiele „Vorher“:
„Boah, ich muss ja schon wieder. Naja, kein Wunder, ich hab ja auch schon zwei Flaschen Wasser getrunken!“
oder
„Ist meine Blase voll. Ich muss jetzt erstmal aufs Töpfchen, sonst mach ich in die Bux!“
oder
„Was pluppert jetzt in meinem Darm so? Oh Gott, ich krieg Durchfall, jetzt aber schnell!“

 
Beispiele „Nachher“:
„Das war aber knapp. Habs grad noch so geschafft!“
oder
„Ahhh. Ist das eine Erleichterung. Ahhhh!!! Ohhhh!!!“
oder
„Mensch. Das war wirklich Durchfall. Das war ganz dünn, fast wie Wasser. Nur braunes Wasser!“

 
Das Schlimme dabei ist, meistens bin ich gerade einen Joghurt oder Apfel am essen, wenn solche Bemerkungen fallen.

Irgendwann reist mir der Geduldsfaden und dann sage ich: „Boah, hab ich heute vielleicht Bauchschmerzen. Meine Tage sind heute wieder heftig. Ich musste schon dreimal den Tampon wechseln. Da kommen auch total die dicken Blutklumpen mit raus!“
Dann will ich meinen Kollegen mal sehen, der reihert mir glatt vor die Füße oder kippt mir aus den Latschen. Aber mit ziemlicher Sicherheit beschwert er sich – hintenrum natürlich – bei meinen Kollegen, was ich denn so erzähle.

Aber ich will mir auch nicht jeden Scheiß anhören.

Willkommen auf der Erde, Fremdling!

Ein Fremdling werde ich wohl immer auf diesem Planeten bleiben, trotz der vielen Versuche mich halbwegs an die Gepflogenheiten der Erdlinge anzupassen. Doch bei so vielen Beiträgen im Fernsehen, Radio und in Zeitschriften sowie bei Unterhaltungen von Kollegen, Verwandten und Bekannten wird mir schmerzhaft bewusst, wie weit ich doch von dem entfernt bin, was als normal betrachtet wird.

Schmerzhaft ist hauptsächlich die entstehende Distanz und Einsamkeit, die von fehlenden Erfahrungen und andersartigen Verhaltens-/Lebensweisen geschaffen wird. Außerdem ist da ein starkes Gefühl des Verlusts über etwas, was ich ja gar nicht kenne oder auch nicht habe.
Der Gedanke „Wovon reden die da eigentlich?“ hinterlässt ein Loch irgendwo tief in meinem Herzen und ich frage mich, wieso ich so manche Erfahrungen nicht machen durfte oder konnte, und wieso manche Dinge einfach nicht Teil meiner (Gedanken-)Welt sind.

Nachfolgend ein paar Aussagen, die mich nachdenklich und auch traurig gemacht haben.

In meiner Sturm- und Drangzeit…
… ist so eine Phrase, mit der ich gar nichts anfangen kann. Ok, ich habe da so eine Idee, was eine Person mit diesem Satz sagen will. Sie beschreibt wohl diese Phase des Partymachens, des sorgenfreien Lebens als Teenager oder als Student, des Experimentierens mit dem anderen Geschlecht, der ersten großen Liebe usw.
Aber wann soll denn diese Zeit sein? Ich bin jetzt Anfang 40. Sollte die noch kommen oder war die schon? Und was stürmt da eigentlich oder drängt denn da? Oder bleiben manche Menschen einfach von solchen Naturkatastrophen verschont?

 
Hat sich der Sturm erstmal gelegt…
… und der Drang – nach was auch immer – scheint befriedigt, soll angeblich der Lebensabschnitt folgen, in dem bedeutende Entscheidungen zu Beruf, Wohnort, Partnerwahl und Anzahl der Kinder zu treffen sind.
Wohlgemerkt, zu treffen sind. Das klingt nach einer Art Pflichtprogramm, das jeder Erdling zu absolvieren hat.
Und der Fremdling vom zweiten Planeten links konnte sich nach 40 Erdenjahren immer noch nicht für einen Beruf entscheiden und versteht auch gar nicht, wozu das gut sein soll.
Und der Wohnort? Heutzutage doch kaum noch eine Konstante, genauso wie ein Partner.
Die Anzahl der Kinder ist eine klare Vorgabe, bei der Null nicht als mögliche Entscheidung zugelassen wird, ansonsten hat man sich zu rechtfertigen. Besonders als Frau.
Sind das wirklich die bedeutenden Punkte, die für ein gesellschaftskonformes Leben entscheidend sind? Ist es nicht weitaus wichtiger, ob man glücklich ist, egal was die Gesellschaft dazu sagt?

In diesem Zusammenhang wird neuerdings immer von der Rushhour des Lebens gesprochen. Schon wieder was, was treibt und drängt und die Lebensuhr schneller ticken lässt.
Laut meinen Recherchen soll es da auch noch zwei eilende Uhren geben, die entscheidende Meilensteine in einem Menschenleben sein sollen.
Bei der Rushhour der Lebensentscheidungen muss man den richtigen Berufseinstieg wählen, der auch gute Aufstiegschancen bietet. Und auf der anderen Seite soll dann noch der gemeinsame Haushalt und die Familiengründung umgesetzt werden.
Zudem gibt es da die Rushhour des Familienlebens, wo der Alltag mit kleinen Kindern zu stemmen ist. Oder das Zeitfenster für weibliche Akademiker rasend schnell kleiner wird, um überhaupt Kinder zu bekommen.

Auf dem Bild, was bei diesen Aussagen in meinem Kopf erscheint, sehe ich mich ganz ruhig auf einer Straße stehend und alle Menschen huschen rechts und links als verschwommene Schemen an mir vorbei.

Mit 41 Lebensjahren bin ich immer noch auf dem Stand eines Abiturienten. All die angeblich wichtigen Lebensentscheidungen liegen noch weit vor mir in dunkler Zukunft oder werden nie ins Licht treten. Oder ich habe irgendwie den Zug der Zeit verpasst und stehe nun auf einem stillgelegten Bahnhof, denn ich werde nie Kinder bekommen, einen „gemeinsamen Haushalt“ gründen und habe auch sonst keine Ambitionen Karriere zu machen.

 
Aber halt!
Da gibt es ja noch den beliebtesten Leistungsträger unserer Gesellschaft. Die Singlefrau zwischen 30 und 40 Jahren, die jung und attraktiv ist und – typisch Frau – sehr gut sozial vernetzt, dabei noch zielstrebig an ihrem Erfolg arbeitet.
Nun ja, die 40 habe ich ja überschritten. Bin ich denn dann noch jung? Oder ist jung relativ?
Attraktiv soll ich ja außerdem sein. Attraktivität ist – wie so vieles – Geschmackssache. Ich halte mich schon für einigermaßen attraktiv, bin aber mit dieser Meinung alleine.
Was soll die Singlefrau noch sein?
Sozial sehr gut vernetzt.
Ja. Bin ich definitiv nicht. Muss ich das denn, um ein Leistungsträger zu sein?
Ach nein, das soll ich sicher im Beruf sein.
Erfolgreich.
Ja. Bin ich definitiv auch nicht. Zumindest solange nicht, wie ich in meinem derzeitigen Job tätig bin. Ich verfolge da nämlich sehr zielstrebig die Grasnarben-Technik, also möglichst tief stapeln, damit man wenig Aufmerksamkeit und folglich wenig Sonderarbeit bekommt.

 
„Wenn ich irgendwann verheiratet bin…
… und Kinder habe, brauche ich ein gutes Einkommen, damit ich meiner Familie auch was bieten kann.“
(Aussage von einem männlichen Arbeitskollegen im Alter von 21 Jahren.)

Für die meisten scheint es selbstverständlich, dass da irgendwann ein Partner ist und dann auch noch einer mit dem man den Rest seines Lebens verbringen wird. Ein Mensch, mit dem man zusammenzieht, ein Bett teilt und beizeiten Kinder hat.
Wo kommt denn bei den Erdlingen dieses Urvertrauen her, dass sich irgendwann ganz automatisch zwei Personen finden, die sich dann auch noch zur gleichen Zeit ineinander verlieben? Und es bleibt meist auch nicht bei dieser einen Liebe.
Und bei mir? Ich verliebe mich immer in Männer, die sich nicht für mich interessieren und in mich verlieben sich Männer, die ich zum Schreien finde. Wieso?

 
„Ich möchte auf jeden Fall der Welt noch ein Teil von mir hinterlassen.
Ein Leben ohne Kinder ist zwar ganz schön, aber ich könnte es nicht ertragen auf einen Stammbaum zurück zu blicken, der bei mir endet.“
(Aussage von einem männlichen Arbeitskollegen im Alter von 26 Jahren.)

Wie sorgenfrei und glücklich doch ein Leben sein kann, wenn man Zeit hat über seinen Stammbaum nachzudenken.

 
„Die Studentenfeten müssen angeblich was ganz besonderes sein!“
… war eine Bemerkung, die ich ebenfalls auf der Arbeit aufschnappte und die mich unsichtbar werden ließ, denn ich war die einzige Person mit einem Hochschulabschluss. Mein Unsichtbarkeits-Modus war wohl an dem Tag defekt, alle schauten mich wartend an.
Ich schaute wartend zurück.
Alle lachten und einer meinte dann: „Nu sag schon!“
Ich: „Was denn?“
Er: „Ja, wie sind denn die Studentenfeten so?“
Ich: „Keine Ahnung! Bin nie auf einer gewesen!“
Er: „Du hast aber doch studiert? Und recht lange, meines Wissens!“
Ich: „Ja. 21 Semester. Aber ich gehe halt nicht gern auf Partys!“
Alle: — Stille —

 
„Jeder Lebensabschnitt hat so seine besonderen Herausforderungen, …
…wo man sich drauf einstellen muss. In jungen Jahren feiert man viel, geht oft ins Kino oder schön in Restaurants essen. Dann trifft man seine Berufswahl und mit Mitte 20 entscheidet man sich für eine Frau und bekommt Kinder. Ein Haus muss gebaut werden. Jeder Lebensabschnitt der Kinder bringt dann auch wieder ganz neue Herausforderungen. Wird man dann älter, geht man nicht mehr jeden Tag abends noch mit den Freunden irgendwo hin.
Jetzt sind die Kinder aus dem Haus. Da muss man sein Leben auch wieder neu ausrichten. Wenn ich in ein paar Jahren in Rente bin, gehe ich ja nicht mehr so viel weg, da brauche ich auch weniger Geld.“
(Aussage eines Arbeitskollegen, 52 Jahre)

Nach so vielen Worten war ich erstmal sprachlos, auch über das Gehörte. Das beschreibt wohl so ungefähr die oben erwähnte Rushhour.
Ich schließe daraus, dass die große breite Masse wirklich ihr Leben so verbringt. Weiter entfernt könnte mein Planet nicht von der Erde sein.
Gibt es bei mir auch so eine Einteilung?
Ich habe die ersten 20 Jahre mit Schule verbracht. In dieser Zeit bin ich weniger als zehnmal weggegangen. Dann habe ich zehn Jahre studiert und bin gar nicht mehr weggegangen. Halt! Auf Konzerten war ich gelegentlich. Alleine. Kinder waren sowieso nicht geplant.
Dann habe ich zwei Jahre nach einer Arbeit gesucht. Seit fast zehn Jahren gehe ich nun arbeiten. Es ist bei circa einem Konzert pro Jahr geblieben. In den 10 Jahren war ich auf einem Tupperabend und zwei Thermo-Mix-Veranstaltungen.

Eigentlich war ich immer nur im Überlebensmodus, um irgendwie mit den Überforderungen des Erdling-Lebens klar zu kommen. Ist das die Herausforderung, die sogenannte Rushhour?

 
„Woher kenne ich dich denn?“
Auf einem Thermo-Mix-Abend wurde mir diese Frage von einer gleichaltrigen Teilnehmerin gestellt.
„Ähh, ich glaube nirgendwoher!?“, war meine Antwort.
Sie: „Doch, doch, doch! Warte!“… „Aus dem Kindergarten. Richtig?“
Ich: „Nein. Ich habe keine Kinder.“
Sie: „Echt jetzt. Wieso das denn nicht? Naja, ist ja nicht so schlimm. Du hast ja noch ein wenig Zeit.“… „Dann kennen wir uns vom Fußballplatz. Spielt dein Mann nicht im FC xy?“
Ich: „Ich habe keinen Mann.“
Sie: „Na dann halt Freund!“
Ich: „Ich bin allein lebend.“
Sie: „Echt jetzt?! In dem Alter? Wie alt bist du denn?“
Ich: „33.“
Sie: „Aber das ist doch das richtige Alter, um jetzt den 2nd-Hand-Männer-Markt abzugrasen. Mit 30 lassen sich ja die ersten wieder scheiden und dann kannst du endlich als Mutter durchstarten.“

Genau wegen solchen Aussagen verbringe ich viel Zeit im Überlebensmodus und meide möglichst Horden von First-Hand-Müttern.