Tor 1, Tor 2 oder Tor 3!

Oder doch Tor 4?

Wer die Wahl hat, hat die Qual! Das trifft ja auf vielerlei Dinge zu.
In diesem meinem speziellen Fall, die Toilettenwahl auf der Arbeit, wo vier Kabinen zur Auswahl stehen. Dabei schaue ich immer – denn mein Büro liegt neben der Einflugschneise zu den Toiletten –, ob jemand auf dem Pott ist oder kurz vorher war. Ich bin nämlich gerne alleine auf dem stillen Örtchen und so warte ich bis alle die geheiligten Kabinen verlassen haben, um mich dann der Qual der Wahl zu stellen.
Auf welcher Schüssel wird wohl meine Vorgängerin gesessen haben? Dem Geruch nach zu urteilen, die zweite von rechts. Folglich ist die Kabine ganz links am weitesten weg. Ich wähle also die Toilette ganz links. Als ich mich jedoch hinsetze, merke ich, die Klobrille ist ganz warm.
„Das gibt‘s doch gar nicht!!! Verdammt!!“

Das Erstaunliche ist, das ist kein Einzelfall, sondern eher die Regel.

Wie ist so was möglich? Ist es ein Urinstinkt seine menschlichen Abfälle möglichst wenig zu „streuen“? Oder wollen wir unseren Geruch über den des Vorgängers legen, also eine Art Revierverhalten?

Ja, ich weiß was ihr jetzt denkt: Worüber macht die sich eigentlich Gedanken, hat die keine anderen Sorgen?
Ich hatte auch immer gedacht, ich sei die einzige, die über so was nachdenkt oder überhaupt wahrnimmt. Aber neulich kam eine Kollegin zu mir und meinte genervt: „Immer erwische ich die Toilette, wo meine Vorgängerin gerade drauf war. Das ist mir total unangenehm. Nun folge ich schon immer meiner Nase bzw. entscheide mich gegen meine Nase und jedes Mal hocke ich mich auf die warme Klobrille!“

Soviel dazu!

Ein Leben im Jetlag

„Der frühe Vogel fängt den Wurm! An das frühe Aufstehen gewöhnt man sich mit der Zeit!“

„Ich nicht!“

„Klar!… Aber dir bleibt eh nichts anderes übrig!

     

So oder so ähnlich endeten meist die Diskussionen, wenn ich mich über meine ständige Müdigkeit beklagte.

Im Kindergarten fing das schon an, während der Schulzeit wurde es nochmal schlimmer, weil ich eine weitere Stunde früher aufstehen musste. War das ein Kampf die Augen morgens offen zu halten und geradeaus zu gehen, ohne irgendwo anzuecken.
Die einzigen Inseln waren die Ferien, die ein Leben im normalen Biorhythmus erlaubten.

Als Student hatte man es so richtig gut. Die Vorlesungen begannen zwar auch um acht Uhr morgens, aber es interessierte ja keinen, ob man da war oder nicht. War ich also müde, blieb ich liegen. Die langen Semesterferien waren die beste Zeit meines Lebens. Hier konnte ich bis spät in die Nacht meine freiberuflichen Jobs erledigen und dann ausschlafen. Alles passte zu meinem normalen Tag-Nacht-Rhythmus.

Doch irgendwann erwischt einen das Hamsterrad der Arbeitswelt. Dann heißt es nochmal eine Stunde früher aufstehen und zusätzlich weitere Stunden am Nachmittag dranhängen. Die Pflichten eines Haushalts dürfen ebenfalls nicht vernachlässigt werden. Will man dann wenigstens ein paar Stunden am Tag zum eigentlichen Leben kommen, muss man zwangsläufig seine Schlafzeit verkürzen und den wenigen Schlaf noch in den falschen Biorhythmus pressen.

Nach acht Jahren in der Arbeitswelt war das einer der Gründe, der mich in die Erschöpfungsdepression getrieben hat.
Seit einem Jahr bin ich jetzt wegen Depressionen in therapeutischer Behandlung. Die Gespräche haben mir zumindest geholfen Mechanismen zu finden, um mich mit meinem derzeitigen Job zu arrangieren. Meine Tätigkeit ist jetzt nur noch reiner Broterwerb, der mit Spaß oder einer geistigen Beanspruchung nichts zu tun hat, aber auch nie hatte. Ein weiterer Grund, der mich hat ausbrennen lassen.

Nach wie vor kämpfe ich aber am meisten mit der ständigen Müdigkeit. Natürlich nur, wenn ich arbeiten muss, ansonsten nicht. Diese Tatsache ist mir so richtig während meinem letzten Urlaub bewusst geworden.
Ich hatte zehn Tage Urlaub und schaffte es zum Glück vom ersten Tag an in meinen natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus zu finden.
Die Folge: Ich war nie müde. Ich hatte jeden Tag ausreichend Energie, um mein Bewegungsprogramm für meinen Rücken zu absolvieren, eine Programmiersprache zu lernen (ja, das geht in zehn Tagen) und zwei Bücher sowie eine Zeitschrift zu lesen. Zusätzlich zu den üblichen Pflichten im Haushalt.
Nach dieser Auszeit fühlte ich mich richtig erholt und entspannt. Außerdem hatte ich zwei Kilo abgenommen.

Die ersten beiden Arbeitstage nach meinem Urlaub konnte ich dieses Wohlbefinden halten, aber am dritten Tag war ich bereits wieder im Jetlag. Seitdem ist Müdigkeit erneut mein ständiger Begleiter. Die ganze Welt fließt zäh um einen rum. Oft genug passiert es mir, wenn ich nach der Arbeit zu Hause unter der Dusche stehe, dass ich gar nicht mehr weiß, wie ich überhaupt dorthin gekommen bin. Welchen Weg bin ich nach Hause gefahren? Wie lange bin ich schon zu Hause? Hatte ich nach der Arbeit noch was zu erledigen? Muss ich jetzt noch irgendwohin?

Traurig oder, wenn ein Leben so an einem vorbei fließt?

Seit Jahren – eigentlich Jahrzehnten – grüble ich über mögliche Lösungen für dieses Drama.
Am Ende lande ich immer wieder bei der Selbstständigkeit bzw. freiberuflichen Arbeit.
Aber was hält mich bloß davon ab, endlich den Sprung zu wagen, mich endlich von dem alten, falschen Leben zu lösen?

Kleinere und größere Sticheleien

Als waschechter Westerwälder fällt man sofort auf, wenn man außerhalb der Heimat den Mund aufmacht. Egal, wo ich hinkam, musste ich mir immer wieder folgende Frage anhören.

„Wo kommst du denn her? Du rollst das R so schön!“ *Innerlich mit den Augen roll.*

Was soll man da Gescheites sagen?
„Aus dem Westerwald!“

„Ahhh, sag mal ritzeroter Ferrari!“
„Später vielleicht. Ich will nicht jetzt schon den wilden Wäller raushängen lassen. So gerne steh ich nicht im Mittelpunkt!“ *Nochmal innerlich mit den Augen roll.*

Aber es gibt auch noch diverse andere Wörter, die wir anders zu benutzen scheinen. Bei uns zum Beispiel stechen die Schlüssel.
„Nimm ruhig das Auto. Der Schlüssel sticht!“ oder „Geh durch die Kellertür rein. Der Schlüssel sticht von außen!“

Sind wir Westerwälder unter uns, fällt das gar nicht weiter auf. Nun ist es allerdings so, dass mein Stiefvater aus Frankfurt ist, und in den ersten Jahren fern dem Hessischen, führten stechende Schlüssel bei ihm zu Irritationen. Denn so mancher Gegenstand, der in Frankfurt einfach steckt, sticht im Westerwald.

Um nun den Versuch zu wagen, uns Westerwäldern vernünftiges Hochdeutsch beizubringen, gibt es neuerdings den ein oder anderen Konter väterlicherseits.

Vorab der Hinweis zum besseren Verständnis für den folgenden Dialog: Meine Mama ist Schneiderin und wenn sie eine Hose unten kürzen will, steckt sie den zu kürzenden Bereich mit Nadeln vorher ab.

Mama: „Ich mach jetzt mal deine Hose kürzer. Die hab ich ja gestern schon abgestochen.“
Mein Stiefvater schaut erstmal verwirrt, antwortet dann aber: „Und? Hat sie stark geblutet?“
Meine Mutter schaut daraufhin auch erstmal verwirrt, fängt an zu lachen und brabbelt im Weggehen: „Dau met deinem sticht enn steckt!“

Im Wald

Es gibt keinen Ort auf diesem Planeten, wo ich mich wohler fühle als im Wald. Die Luft ist frisch und klar. Das Vogelgezwitscher hat eine total beruhigende Wirkung, und wer den Vogelgesprächen folgen kann, erfährt so einiges aus der näheren Umgebung.

Schon als Kind war ich stundenlang und ganz alleine im Wald unterwegs. In dem Alter – so mit 6 bis 8 Jahren – habe ich meine Eltern oft gefragt, ob sie mich als Baby im Wald gefunden und adoptiert hätten.
Der ganze Lebensraum Wald ist für mich wie mein Zuhause. Wenn dann noch ein Bach meinen Weg kreuzt, stellt sich bei mir ein starkes Gefühl der Zufriedenheit ein.

Wie einfach es doch sein kann, glücklich zu sein. Viel Geld, dicke Autos oder große Häuser könnten mich niemals so glücklich machen.
Ich bin sowieso der Meinung, dass Besitz niemals wirklich ein erfülltes Leben bedeutet. Geld macht gewiss einige Dinge einfacher bzw. lebt es sich etwas sorgenfreier. Aber das ist nichts von Dauer, da ja das Glücksgefühl nur bei Konsum ausgelöst wird. Somit muss man schauen, auch immer genug Kohle zu verdienen. Ein Teufelskreis gepaart mit ständiger Verlustangst.

Und der angehäufte Besitz verstaubt irgendwo oder man wirft Dinge weg, die man eigentlich nie gebraucht hat. Aber Hauptsache man hat konsumiert, um… ja was eigentlich? Seinen Status zu demonstrieren?
Aus der Tretmühle rauskommen? Also Geld verdienen… kaufen… wieder Geld verdienen… Dinge wegwerfen… wieder kaufen… und wieder Geld verdienen. Und bloß den Job nicht verlieren, sonst kann man nichts mehr kaufen. Gibt es daraus ein entrinnen?

Das einzige, was mir dazu einfällt: „Lebst du schon? Oder kaufst du noch?“
 
 
Im Wald

Mitten im Wald bin ich bei mir selbst angekommen. Die rasante Welt bleibt hinter mir zurück.
Mitten im Wald bin ich zu Hause.
Unter Freunden.

Neulich… auf der Arbeit (7)

Als Autist ist es schon manchmal schwierig typisch menschliche Verhaltensweisen zu verstehen.
So kam es neulich, dass ein Kollege unser Büro – mit „unser“ meine ich das Büro meiner Kollegen und mir – betrat und meinen Kollegen fragte: „Gehn wir eine rauchen?“

Soweit nichts Ungewöhnliches, denn ich weiß, die zwei gehen immer oder meistens zusammen eine rauchen. Doch kurze Zeit später musste ich an der Raucherecke vorbei und sah, dass beide mindestens fünf Meter auseinander auf der Bank saßen und jeder für sich auf seinem Smartphone am Rumdaddeln war.

„Ja“, dachte ich, „da ist er wieder, der ach so soziale Mensch.“
Solche Beobachtungen bringen mich immer wieder ins Grübeln, denn ich als Autist sollte doch eigentlich der antisoziale Zeitgenosse sein. Laut den gängigen Klischees zumindest.

Ich kann halt nicht nachvollziehen, wieso zwei Menschen offensichtlich gemeinsam eine rauchen gehen wollen und dann aber jeder für sich in der eigenen virtuellen Welt verschwindet. Erwartet hätte ich eigentlich, die beiden plaudernd vorzufinden, sonst könnte man ja auch alleine eine Zigarette rauchen.

Was steckt da wohl dahinter? Fühlt es sich besser an, wenn man nicht alleine der Sucht frönt?

Oder ist genau das ein typisch menschliches Sozialverhalten, gemeinsam einsam seine Zeit zu verbringen?